Montag, 13. Februar 2017

GRILLEN


"....Denk nur, ein Volk, das seine Zeit damit verbringt - Mao hätte gesagt vergeudet, und nicht ganz zu Unrecht -, zu jeder Jahreszeit Grillen zu züchten, um auch im Winter, wenn es draußen schneit, der Stimme des Frühlings lauschen zu können! Die Grillen haben es dann warm, denn man trägt sie in der Innentasche der Jacke mit sich herum, in einem winzigen ausgehöhlten Kürbis mit einem wunderschönen Deckel aus geschnitztem Elfenbein oder manchmal sogar aus Jade. Und wenn du in der Kälte der Nacht ein Gedicht schreibst und in deinem kleinen si he yuan, deinem Haus mit Innenhof, Tee trinkst, hörst du das Krikrii, Krikrii der Grille. Auch das war ein Zeitvertreib der Mandschu gewesen.
Ich hatte immer eine in der Tasche und hielt zu Hause die verschiedensten Grillensorten, sogar einen jing-irgendwas, die kleinste Grille, die es gibt. Sie ist kaum zu sehen, aber sie kann herrlich zirpen. Sie war so klein, dass ich sie nicht einmal in einen solchen Kürbiskäfig setzen konnte, sonst wäre sie mir abhanden gekommen. Ich hatte sie in einer winzigen Elfenbeindose untergebracht. Manchmal musste man sie füttern, und dann wurde der Deckel wieder zugeschraubt....."
Tiziano Terzani. Das Ende ist mein Anfang.

Für Tierschützer ein schlimmer Gedanke diese gefangenen Grillen.
Chinesen essen bekanntlich alles, was vier Beine hat, außer Tischen und Stühlen.
Trotzdem hat die Beschäftigung mit den Zirpinsekten Poesie.
In wenigen Jahrzehnten wurde eine jahrtausendealte Hochkultur fast völlig vernichtet.
Zuerst kam Mao und die heutige Hinwendung zum Kapitalismus macht es auch nicht besser.

 

Kommentare:

  1. Ach ja, nicht immer vertreibt das, was kommt, die Grillen der Zeit.
    Züchten wir ein paar gedankliche Grillen für die restliche Kälteperiode! :-)
    Dir einen guten Wochenstart!
    Herzlich,
    Brigitte

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  2. Na ja,auf solch eine Idee käme ich nicht in hundert Leben!
    Starte sanft und heiter in die neue Woche
    Brigitte

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  3. schöne und fremde geschichte.
    und danke fürs weitererzählen.
    habs gut!
    waldwanderer

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  4. Was in China ein paar Jahrzehnte dauerte, dauert in Europa vielleicht noch fünf.
    Und ja, Tiere einsperren ist einfach scheußlich. Je älter ich werde, umso scheußlicher finde ich es und kann es kaum mehr ertragen.
    Weiterhin beste Genesungswünsche ins Waldviertel von uns aus dem Paradies, wo heute mal die Sonne rauskommt. Wie wunderbar!
    M.

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  5. Ein "Jahre" nachreiche für das Ende des ersten Satzes.

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  6. Wir dagegen sind ein Volk, das seine Zeit damit vergeudet, zu jeder Jahreszeit zu grillen.
    Bei "Grillen züchten" ist mir sofort eine Sendung eingefallen, wo eine Kenianerin Grillen züchtet, um genügend Eiweiß in der Nahrung zu haben. Bei denen werden nämlich keine Fleischteile gegrillt.

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  7. ....und wir sollten immer und überall gelassen sein.

    die massenmenschenhaltung in china ist das ergebnis von.........
    so wie bei uns die hühnerkäfighaltung-----------

    ich bin auch wieder zurück aus dem schönen winterlichen waldviertel.
    schön von ihnen zu hören und lesen,dass es immmer besser wird....

    lg
    hibisca

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  8. verstehen kann ich das ja
    ich liebe so sehr das zirpen im sommer
    aber tun würde ich es niemals
    weiter gute besserung mit diesen anrührenden geschichten und einem tüchtigen fernseher
    allerliebste grüße
    birgit

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