Donnerstag, 1. März 2018

UNVERNÜNFTIG

Die Kälte ist nur dick vermummt auszuhalten.
Die Jugendlichen tragen Sneakersocken zu knöchelkurzen Hosen und Turnschuhen -
nackthäutig untenrum.
Das erinnert mich an meine Mädchenzeit.
Stiefel, minikurzer Mantel, dünne Nylonstrümpfe (Strumpfhosen gab es noch nicht).
Und die alten Frauen auf der Straße meinten -
"Das wird sie im Alter spüren."
Ich weiß, dass mir immer bitterkalt war und die Knie waren steifgefroren,
aber ich bin stark am Zweifeln, ob mir heute irgendetwas weniger weh täte,
wenn ich "vernünftig" gewesen wäre.
Wien war Mitte der 60er Jahre lähmend.
Die älteren Menschen waren bösartig und grantig,
so viel Lebenszeit geraubt, so viel Leid erlebt und der Krieg auch verloren.
Sie waren neidisch auf jeden, der mehr Zukunft hatte.
Ich kann mich erinnern,
dass wir in der Schule keine Hosen tragen durften.
Bestenfalls einen Rock mit irgendwelchen Schlabbertrainingshosen drunter bei großer Kälte.
Ich habe in Wien als eine der ersten Hosen angehabt
(mit Verschluss vorne)
und auch dafür haben mich die alten Frauen beschimpft -
schamlos meinten sie.
Meine Mutter ist im Kleid im Damensitz am Roller mit meinem Vater nach Italien gebraust.
Ziemlich schick und cool.
Aber die gute alte Zeit war wirklich nicht immer gut.
Und in Wien schon gar nicht.
Dort war man in den 60/70 er Jahren hinter dem Mond.


Kommentare:

  1. Solche Geschichten darf man immer mal wieder hören, auch wenn sie nicht sehr löblich sind. Bei uns auf dem Land war es nicht viel besser. Da kannte jede jeden und zerriss sich hinten herum das Maul. Missgunst und Frömmelei waren allgegenwärtig. Natürlich gab es auch aufgeschlossene, gutmeinende Menschen, aber eben auch die anderen...
    Dir einen lieben Gruss in die heutige Zeit,
    Brigitte

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    1. glücklicherweise wird manches besser. wien ist heute viel besser.
      herzlichgrüße in deinen morgen

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  2. Hallo Ingrid,
    sehr spannende Geschichten die du uns erzählst.
    Warme Wünsche zu dir
    Barbara

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    1. wärme ist gut. so ein kaltwindiger tag.
      liebe grüße

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  3. die jungen glauben freiheit zu leben,wenn sie unvernünftig sind.
    das war so und wird immer so sein.

    das spüren muss erlernt werden.
    das hinhören auf seinen körper,der sagt was sinn macht und was nicht.
    grenzen zu erkennen und danach zu handeln.

    aber das ist ja altmodisch!

    schönen abend
    hibisca

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    1. wenn man jung ist, spricht der körper noch nicht "vernünftig". da geht noch vieles. sehr vieles.
      liebe grüße

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  4. das dacht ich jetzt - dass ich winters ohne unterhemd lief
    der mahnenden mutter zum trotz
    heute trage ich mehrere lagen übereinander weil ich nicht frieren mag
    je weniger man die kinder ermahnt um so schneller sind sie bereit
    socken und unterhemden zu tragen
    in der mitte deutschlands in nordhessisch sibirien war man in diesen jahren auch hinterm mond
    und ich fürchte wir sind wieder auf dem weg dahin
    hab eine gute zeit
    allerliebste grüße
    birgit

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    1. ja, ich sehe auch einiges was passiert als rückschritt in die trostlosigkeit. schau ma mal. aber das leben ist immer in einer ewigen wellenbewegung. auf und ab.
      liebe grüße aus der kälte

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  5. da war ich noch jung, als ich in irgendeinem Vorlesungssaal das mit der Peergroup erfuhr, und wie wahnsinnig wichtig die würde so ab 12. meine wird grad immer weniger, naturgemäß. wir alten Damen setzen uns nicht mehr auf kaltes Gestein, es sei denn, wir hätten 12 Martinis intus.
    deine Berichte: so cool und ohne oin Schmarrn oder mit ganz viel davon...

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  6. An Rock mit Schlabbertrainingshose erinnere ich mich auch, aber Nylonstrümpfe - no way. Bin halt auf dem Land aufgewachsen.

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