Dienstag, 1. Dezember 2020

CORONAFURCHEN



Im Nachkriegswien bin ich aufgewachsen.
Ganz so stimmt es nicht,
denn die ersten Lebensjahre wohnten wir am Stadtrand im Grünen.
Im Kindheitsparadies.
In der großen Stadt saßen in den Parks alte Frauen gemeinsam auf  Bänken.
Sie waren missmutig, gehässig, neidig, verbittert, häßlich.
Jahre der Entbehrung hatten sie geprägt.
Ihre Männer fürs Vaterland gefallen,
Söhne an der Front geblieben,
Hunger, schlechte Versorgung,
Krieg verloren,
Not, keine Perspektiven, schlechter körperlicher Zustand,
das war ihr Leben.
Wenn ich als junges Mädchen vorbeiging, keppelten sie hinter mir her,
weil ich für ihre Augen unpassend gekleidet war.
Oder weil sie grundsätzlich auf jeden,
der das Leben vor sich hatte,
neidig waren.
Wurden ihnen doch ihre besseren Zeiten durch Umstände
einfach gestohlen.
Ihre Gesichter faltendurchfurcht, böse, mißgünstig.
Wir haben heute vom Schicksal weitgehend unbeschriebene Minen.
Kein Schicksal gehabt.
Eine lange Reihe mehr oder minder guter Tage liegt hinter uns.
Wir sehen viel jünger aus,
denn wir tragen fast die gleichen Klamotten, wie unsere Enkelinnen.
Werden die kommenden Jahre/Monate
Furchen der Missmut in unsere Haut graben?
Die fehlende Wärme, Nähe, Freude, Leichtigkeit ihre Spuren hinterlassen?
Möglich ist alles.
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Vor zwei Tagen habe ich es im Blog beschrieben
und es war fast noch lauter, als im Video zu hören.
Ob sich Fische die Ohren zuhalten können?
Ein unglaubliches Hörspiel,
das sicher nicht oft stattfindet.
Für mich war es das erste Mal im Leben.
Anscheinend findet sich immer wieder ein erstes Mal.
Auf den Fotos ist nicht  klar zu erkennen,
dass die Eisdecke geschlossen ist.

 

Kommentare:

  1. Was für ein merkwürdiges Geräusch! Wieder dazu gelernt.

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  2. An diesem See (im Video) also am Silser See habe ich im Juni Urlaub gemacht. Da sang aber auch nur meine Seele ob der Schönheit der dortigen Natur. Klingt ja krass! Ich finde, der See seufzt eher, als dass er singt. Jedenfalls toll, dass du das so in deiner Nähe erleben kannst. Klangvollen Dienstag dir. Ursula

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    1. der silser see ist beeindruckend. ich habe keine ahnung, ob ich schon einmal dort war. es sind so viele verschiedene laute. angefangen hat es mit einem rufen wie von fröschen. und zeitweise war es ein lautes geknatter, wie gewehrsalven. und seufzen auch. toll auf jeden fall.
      liebe grüße

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  3. WAS für ein tolles NATUR - Schau - und Hör-SPIEL ... DANKE ♥ lb Ingrid für´s TEILEN ... komm GUT in den Dezember ... mit herzlichem Dienstags - Gruß von Annette ♥

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    1. ja. es ist wirklich beeindruckend. möchte ich gerne wieder erleben. aber da müssen anscheinend alle bedingungen genau passen.
      liebe grüße

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  4. sehr seltsam, aber ich kann mir gut vorstellen, was für ein berührendes Erlebnis es in natura und ganz allein am schönen See ist!!
    lg

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    1. wenn man das noch nie gehört hat, kann man gar nicht fassen, was es ist. weil die geräusche auch so vielfältig sind.
      liebe grüße

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  5. Die Spannungen am Eis machen die Klänge, das habe ich gleich vermutet.
    Der Winter wird uns allles abverlangen. Es soll sehr kalt werden bis Mitte März.
    Nicht nur die Diktatur macht uns zu schaffen, wir können uns warm anziehen.
    Aber das berechnen die Modelle schon lange.
    Sehr viele Inversionswetterlagen mit Kälte am Boden und in der Höhe mit Sonne
    und gemäßigten Temperaturen.
    Schönen Abend
    hibisca

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    1. schau ma mal, was kommen wird. noch ist die sonne so warm, dass man draußen sitzen kann. k3in wind.
      liebe grüße

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  6. sehr guter Eintrag, beschreibt einen teil der Nachkriegsgeneration perfekt!
    Danke!

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